Paul Schneider in seiner Wahlheimat

 "Steine an der Grenze" das von Paul Schneider begründete Bildhauersymposion an der deutsch-französischen Grenze zählen zu den bekanntesten Projekten des saarländischen Künstlers und Anregers. Wie Leo Kornbrust in St. Wendel ("Straße der Skulpturen") übernahm Paul Schneider eine Idee des österreichischen Bildhauers Karl Prantl, der zwischen 1959 und 1977 regelmäßig zum gemeinsamen schöpferischen Arbeiten im Freien zu den "Symposien europäischer Bildhauer" nach St. Margareten im Burgenland eingeladen hatte, und übertrug sie in seine heimische Region an der Saar. Unter Schneiders künstlerischen Leitung und eigenen Beteiligung entsteht seit 1986 auf dem Höhenzug zwischen den saarländischen Orten Büdingen und Wellingen und den lothringischen Launstroff und Scheuerwald eine einzigartige Skulpturenlandschaft aus neuzeitlichen Megalithen, geschaffen von Bildhauern unterschiedlicher Nationalitäten. Die vorläufig letzten Steine wurden im Sommer 2005 von einem israelischen und einem palästinensischen Künstler in gemeinsamer Arbeit gesetzt, gewolltes Zeichen für Begegnung und die friedliche Überwindung von Grenzen. Inzwischen sind Paul Schneiders  "Steine an der Grenze" und Leo Kornbrusts "Straße der Skulpturen" Bestandteil der "Europäischen Straße des Friedens", der Skulpturenstraße Paris Berlin Warschau Moskau in Erinnerung an den Bildhauer Otto Freundlich.

Überwindung von Isolation, Begegnung mit anderen, Offensein für das Gegenüber, gemeinsames Arbeiten das alles ist charakteristisch für Paul Schneider und seine künstlerische Arbeit und gilt für seine Beziehung zu Menschen und zu dem ausgewählten Material. Werke Schneiders, insbesondere seine großen Steine, findet man im öffentlichen Raum sowohl als Solitäre als auch im gleichrangigen, dabei künstlerisch spannungsreichen Miteinander mit Werken anderer Künstler: auf Plätzen und in öffentlichen Parkanlagen, in Schulen und Krankenhäusern, in Ämtern und Behörden und besonders beeindruckend in Landschaften. Geographisch gesehen liegt der Schwerpunkt seiner Arbeit deutlich auf der südwestdeutschen Grenzregion mit Lothringen und Luxemburg. Doch der Bogen ist weit gespannt, wozu Schneiders Beteiligung an internationalen Symposien nicht unerheblich beiträgt: Indien (Patiala/Punjab, Cholomandal), Georgien (Tiblissi), die Slowakei (Kosice), Österreich (Wien-Perchtoldsdorf), Italien (Rom-Tivoli), Irland (Carlow) und last but not least Großbritannien (Leicester).

Stein, das Material, das Paul Schneider seit 1973 fast ausschließlich verwendet, ist für ihn nicht Rohmasse zum Heraushauen von Figürlichem oder Abstraktem. Vielmehr spürt der Künstler dem natürlichen, individuellen Charakter des ausgewählten Steines nach, lässt sich auf ihn ein, arbeitet nicht gegen sondern mit ihm. Dabei sucht er mittels einer von Empathie geleiteten Bearbeitung, das jeweils Besondere sichtbar oder deutlicher erkennbar und beziehungsreich werden zu lassen. Legt Paul Schneider innerhalb dieses Prozesses einerseits mit minimalen Eingriffen vorhandene Möglichkeiten offen, fügt er andererseits Neues hinzu, um den Stein zum Träger eines Gedankens werden zu lassen. Der Künstler setzt sich auseinander mit Themen wie Licht und Dunkelheit, Öffnung und Verborgenes, Bewegung und Ruhe, Natur und geometrische Form, Chaos und Ordnung, die kosmische Welt. Die Ausrichtung des Steines nach Süden, das Herausbilden einer hellen und einer dunklen Seite, behandelte reflektierende und unbehandelte stumpfe Oberflächen, Öffnungen zum Licht der Sonne und Öffnungen in das dunkle, verborgene Innere des Minerals, eingravierte geometrische Linien und herausgearbeitete stereometrische Formen sind wiederkehrende, immer wieder neu variierte und unterschiedlich gewichtete Themen und Motive in Schneiders Steinen. Geometrische Figuren interessieren Paul Schneider ebenso in ihrem naturgegebenen Zuschnitt wie in ihren menschengegebenen Symbolwerten. Ähnliches gilt für Zahlen, einerseits mit ihren mathematischen Eigenschaften als beispielsweise Potenz- oder Primzahl und andererseits mit ihren Bedeutungen in Mythologien und Religionen. So eröffnet sich dem Betrachter und Befühler eines Steines von Paul Schneider jenseits des sinnlich Erfahrbaren der geweitete Raum der Imagination.

Paul Schneider, 1927 in Saarbrücken geboren, arbeitet seit dem Abschluss seines Studiums an der staatlichen Werkakademie Kassel und der Kunsthochschule Staedel in Frankfurt 1953 als freischaffender Künstler in Saarbrücken, seit 1979 in Merzig-Bietzen. In den ersten Jahren seines künstlerischen Weges wählt er neben Holz und Stein vor allem Metall als Material für seine Skulpturen. Als junger Mensch beeinflusst von Werken von Wilhelm Lehmbruck, Aristide Maillol und Ernst Barlach, erhält Paul Schneider durch das Studium von Plastiken von Constantin Brancusi, Henry Moore und Alberto Giacometti wichtige Impulse und bleibt zunächst im Figürlichen. "Ich habe mich gequält, bis ich pötzlich bei einer Reise nach Italien und Griechenland (1963) erkannte, daß ich gestalten kann ohne die menschliche Figur als Abbild, daß es Figuren gibt, die nur indirekt in den Maßen oder Proportionen mit dem Menschen zu tun haben." (Interview 2, Paul Schneider im Gespräch mit Monika Bugs. Saarbrücken 1995, S. 15.)


1963 absolviert der Künstler einen Lehrgang für elektrisches und autogenes Schweißen, Voraussetzung für verschiedene Werkgruppen, die in den folgenden Jahren entstehen (Lorenz Dittmann: Paul Schneider. Lebach 1985, ohne Seitenzählung). Zu nennen sind hier vor allem die turmartigen Skulpturen aus dünnen Stahlblechen, die an konstruktivistische Architektur und Stahlskelettbauweise erinnern, und für die Schneider das Kunstwort "Verthori" zusammengesetzt aus "Vertikale" und "Horizontale" prägt. 1969 nimmt Schneider an dem Stahlsymposion in Kosice, zwei Jahre später dann erstmals an einem internationalen, im Freien stattfindenden Steinbildhauer-Symposion teil, dem von Leo Kornbrust initiierten Bildhauer-Symposion in St. Wendel. Noch anknüpfend an die Metallplastiken der "Verthoris", entsteht hier Paul Schneiders erster monumentaler Stein und markiert den Beginn seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Steinbildhauerei.

Daneben arbeitet Paul Schneider auch im zweidimensionalen Medium von Zeichnung und Aquarell. Noch weniger als die Aquarelle werden die Zeichnungen in der Öffentlichkeit gezeigt. Alle sind stark von der Linie bestimmt. Die Landschaftszeichnungen sind charakterisiert durch das Bestreben, die innere Ordnung des Gesehenen zu begreifen und das Ende dieses gedanklichen Prozesses mit klaren Strichen in Bleistift, Tusche oder Filzstift festzuhalten. Daneben existieren Ideenskizzen und Entwürfe sowie tagebuchähnliche Aufzeichnungen in Blei, in denen der Bildhauer chronologisch in Stichwort und Skizze seine ausgeführten Skulpturen vermerkt. Paul Schneiders flächendeckenden, gegenstandslosen Aquarelle erinnern nicht nur in ihrer zarten Farbigkeit an seine Steine. Auch die gefleckten, gesprengselten und changierenden Gründe der lasierten Aquarelle und die darüber gelegten zarten Linien und stereometrischen Gefüge ähneln der natürlichen Maserung der Steine und ihrer Bearbeitung durch den Künstler. Während jedoch die großen Monolithe mit grobem Gerät im Freien und zumeist in Gemeinschaft gearbeitet werden, entstehen die Aquarelle mit feinem Pinsel in stiller Abgeschiedenheit. Das Meditative, Imaginierende und Kraftvolle ist ihnen gemeinsam.

Quelle: Institut für aktuelle Kunst im Saarland, Archiv, Bestand: Schneider, Paul (Dossier 581)